Kirchenpädagogische Aspekte von Kirchenöffnungen

 

 

Bereits 1959 veröffentlichte die Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirchen in Deutschland (VELKD) die Empfehlung zum täglichen „Offenhalten der Kirchen”. Damit soll in hektischer Zeit ein Raum der Ruhe, der Andacht, des Gebets zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus zielt die Öffnung der Kirchen darauf ab, „die Geschichten und Glaubenserfahrungen, die sich mit kirchlichen Einrichtungsgegenständen verbinden, ... wieder zu Gehör zu bringen.” Hinter einer geöffneten Kirchentür sollte eine einladende Gemeinde stehen.

Denn die Menschen, die heute eine Kirche betreten, suchen meist nicht in erster Linie den kunstgeschichtlichen Genuss, sondern die Stille. Die Zeit ist schnelllebig und kompliziert geworden. Viele kommen mit lebensgeschichtlich angefüllten Bedürfnissen, Fragen und Erwartungen. Diesen Menschen ist die Kirche ein Raum der Unterbrechung, der Einkehr, ein Raum auch für grundlegende, existentielle Fragen und immer wieder zum Gebet. Kirchen sind für sie Orte der Sinnsuche, der Orientierung und Vergewisserung – für die Kirchennahen und die Kirchenfernen.

 

Kirchen sind erfüllt von Spuren des Glaubenslebens, das in ihnen stattfindet. Wer sich auf sie einlässt, kann ihrer Ur-Kunde begegnen, ihre Geschichte nachzeichnen, von ihrer Frömmigkeitspraxis erfahren und ihre Hoffnungen teilen. Doch diese erschließen sich nicht von selbst. Und da die Menschen die Glaubensvorstellungen und ihre Rituale oft nicht mehr kennen, gilt es, die Begegnung mit der Kirche so zu gestalten und zu inszenieren, dass eine Beziehung entstehen kann – zum Raum, zu seinen Symbolen und Zeichen, zu seiner Orientierung (s.u.).

 

Nimmt die Gemeinde diese Aufgabe an, wird sie Gastgeberin. Kirchen beginnen, vom Glauben zu ‚erzählen’, wenn sie ‚ansprechend’ gestaltet sind. Ziel ist, die Verweise des Raumes zur Sprache zu bringen und Raum einzurichten, die ‚An-Sprache’ in Ruhe zu hören. Dabei geht es zunächst um Säubern und Entrümpeln (Besen, Vasen, vergilbte Zettel etc.), dann auch um das Anbieten einer Andachtsmöglichkeit, also um Bereitstellen von Bibel, Gesangbuch, Kerzen (für die man eine Spende erbitten kann), ggf. eines Kerzenbaums oder einer Kerzen-Weltkugel (vgl. z.B. www.sinnobjekte.de), Gebetstexten (ggf. Gebetswand), Meditationshilfen etc., das Auslegen eines Gästebuchs (wird viel und sehr dankbar genutzt!), das Schmücken von Altar, Taufbecken und Kanzel (Antependien, Blumen etc.), das Aufschlagen von Bibel oder Lektionar an Kanzel, Lesepult und Altar, das Ausleuchten ansprechender Kunstwerke und Ecken, einen recht platzierten und ansprechend gestalteten Schriftentisch mit Einladungen zu den Gemeinde­veranstaltungen, freundliche (!) Hinweisschilder und einladende schriftliche Kirchenführer (ggf. Kinderkirchenführer) mit Erschließungshilfen zu Kirchenraum, Kunstwerken und entsprechenden Bibelstellen, das Einrichten einer Leseecke, das Spielen von Orgelmusik zu bestimmten Zeiten, das Bilden eines Willkommens-/Wegbegleitungskreises oder einer Gruppe von Kirchenführer/innen bzw. Schriftenverkäufer/innen (Gastgebende, die ansprechbar sind, entfalten eine ansprechende Atmosphäre), die Übernahme von sog. Bild- oder Ornamentpatenschaften u.w.m. Und es geht um eine Verabschiedung: ein Wort, ein Geschenk (nicht Prospektmaterial, sondern etwas Kleines, Wichtiges, Kostbares), einen Segen auf dem Weg …

 

Zudem gibt es neue Ansätze der Kirchenführerausbildung. Weil das gegenwärtige Glaubensleben unbekannt geworden ist, reicht es nicht mehr aus, in die Vergangenheit zu führen. Kirchenführerinnen und -führer stehen heute vor der Aufgabe, Menschen mit der christlichen Religion und ihren Glaubensinhalten in Beziehung zu bringen, Kirchen als lebendige Erfahrungsorte mit Kopf, Herz und Hand zu erschließen, dabei zielgruppenorientiert mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu arbeiten, soziale und kommunikative Kompetenz im Umgang mit Kirchenbesuchern zu erwerben und zu entwickeln, die eigene Rolle als Gastgeber/in und Repräsentant/in der Kirche zu reflektieren, sprach- und auskunftsfähig zu sein im Blick auf die eigene religiöse Biografie und weiteres mehr. Verschiedene Landeskirchen bieten eine fundierte Ausbildung, die diesen Standards gerecht wird (mind. 120 Unterrichtsstunden), bereits an. Auch in Oldenburg wird eine solche Ausbildung für wichtig erachtet.

 

Denn entsprechend des Gottesdienstablaufs weist der Kirchenraum in seiner Anlage einen Weg von West nach Ost, vom Dunkel ins Licht, von der Buße zur Rechtfertigung (vgl. Skizze). Die geostete Kirche (Osten = Orient) orientiert auf den (entgegen) kommenden Christus hin. Wer in Kirche und an Kirche heran führen will, tut gut, diesen Weg der Annäherung Gottes nachzuschreiten von der ersten Begegnung mit dem Raum und mit mir selbst am Eingang (Selbsterkenntnis / Sündenbekenntnis) über das Hören der Botschaft an Ambo und Kanzel (Lesung / Predigt) zur Berührung mit dem Grund des Lebens im Chorraum (Abendmahl). Und wenn zum Abschluss ein Segen in den Alltag zurückleitet, nehmen das viele Besucher dankbar an und mit.

 

Kirchenpädagogische Begehungen gehen diesen Weg. Sie laden ein, handlungs- und erfahrungsorientiert, verschiedene Sinne ansprechend die Kirche zu erkunden und zu erschließen. Besondere Erfahrungen machen dabei nicht nur Kinder und Kirchenferne, sondern gerade die, die ihre Kirche neu entdecken (zu empfehlen auch für Willkommenskreise, Kirchenwachen etc.!).

In Oldenburg werden sie angeboten von der Kirchenpädagogik in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, Haareneschstraße 58, 26121 Oldenburg, Tel. (0441) 7701-441, Fax (0441) 7701-499. Dort gibt es auch Ideen und Material bei Fragen zu Einrichtung und Gestaltung, schriftlichen Kirchenführern, Kirchenführungen etc. Zudem sind auf der Webseite der Kirchenpädagogik die Offenen Kirchen im Oldenburger Land zu finden unter www.kirchenpaedagogik-oldenburg.de.

 

Buchtipps:

Ksenija Auksutat - mit Gabriele Eßmann und Doris Schleithoff, Gastgeberin Kirche, Kirche schmücken - Altar gestalten - Räume erleben, Gütersloh 2005, ISBN 3-579-05570-4.

Christine Kron, Offene Kirche, Organisationsmodelle kirchlicher Erwachsenenbildung der EKHN Heft 44, Darmstadt 2003, zu bestellen unter 06151-6690190.

 

Tessen v. Kameke

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