Kirchenpädagogik - Eine Einführung


von Tessen v. Kameke

 

 

DAS NEUE INTERESSE AM KIRCHENRAUM

Es war eine besondere Stimmung, in die ich geriet, als ich zum ersten Mal die Kirche an meinem neuen Wohnort in Bad Zwischenahn betrat. Hier würde von nun an mein Raum mit Gott und seiner Gemeinde sein. Hier. Hier?

Der Türgriff hat die Form eines Fisches. Ich lächle. Klar: so dicht am Zwischenahner Meer, Täuferkirche (St. Johannes), Christensymbol. Beim Eintreten wechselt der Geruch. Nach Seeluft roch es draußen. In der Kirche riecht es eher nach Holz.

Im Mittelgang muss ich stehenbleiben. Der reich geschnitzte Flügelaltar zieht meinen Blick nach vorne, zugleich aber Farben und Bilder von allen Seiten. Fast als würden sie miteinander ringen, so buhlen sie um meinen Blick, der goldbemalte kunstvolle Passionsaltar im Chorraum und die mir näheren pastellfarbenen Bauernmalereien mit biblischen Motiven an Kanzel und Empore. Hier bin ich von farbenprächtigen Verzierungen noch ganz gefangen, dort glänzt mir Fremdes anziehend entgegen.

Rechts unter der Kanzel nehme ich Platz (es soll später mein "Lieblingsplatz" werden). So suche ich mir einen Ort und ordne damit meine Eindrücke. Ich nehme wahr: die Kirche erzählt. Und sie hat etwas zu erzählen – von ihrer Geschichte, von dem Glaubensleben in ihr, von ihren Geheimnissen. Wer sehen und hören will, kann etwas von ihrem Schatz erfahren.

Einen Moment verweile ich noch. Dann stehe ich auf. Und noch bevor ich ihre Winkel weiter erkunde, weiß ich: davon will ich weiter erzählen.

 

 

Ein erster Zugang: Die Wiederentdeckung des Kirchenraums

Nicht nur die berühmten Dome und Kathedralen am Urlaubsort üben eine starke Anziehungskraft aus, auch die heimatlichen Kirchen am Wohnort gewinnen neue Aufmerksamkeit. Vor allem die großen Stadtkirchen in Deutschland verzeichnen z.T. sprunghaft ansteigende Besucherzahlen.[1] Spätestens seit Ende der 80er Jahre ist "die Kirche als wichtiges Thema"[2] neu erkannt. Der Kirchenraum wird wiederentdeckt. Und das nicht allein als Versammlungsort zur gottesdienstlichen Feier, sondern zudem als Schutzraum zur Einkehr[3], als Gegenstand kulturgeschichtlichen Interesses und zunehmend auch als Lern- und Erfahrungsort.

Zu den Erscheinungen dieser Entwicklung gehört auch der neuerliche Zulauf, den Museen verzeichnen.[4] Degen erkennt darin neben "diffuse(n) Nostalgien, Neugier und naive(n) Fetischisierungen" auch ein Neuaufbrechen der "Frage nach ihrem Lebenssinn, nach ihrem Woher und Wohin".[5] Er macht hier ein neues "Interesse an authentischen Zeugnissen anderer Zeiten und damit anderer Lebensgestaltungen und -inhalte" an "Orten der Vergewisserung (und) Sinnsuche" aus.[6]

Als Stätten vermuteter Nähe zu originären Erfahrungen werden auch Kirchengebäude aufgesucht. Nach Barz nehmen junge Menschen Kirchen als besondere Orte mit auratischer Ausstrahlung wahr;[7] als Räume der "Selbstfindung, Selbstrelativierung (und) Selbstkongruenz"[8] gehören sie zu den Orten der Erlebnisgesellschaft.[9] Techno-Partys in Kirchen sind 'angesagt'. Nach Maßgabe der Erlebnisorientierung werden sie dann nach ihrer Eignung zur Erzeugung von Intensitätsgefühlen gemessen.[10] Doch das ist nur die eine Seite. Neben 'Größe und Pracht' wirkt die Ruhe anziehend, die Kirchen ausstrahlen. "Hier kann man 'sich sammeln', sich 'über wichtige Dinge Klarheit verschaffen', hier 'fällt alles von mir ab.'"[11]

Diese Tendenzen bieten Chancen, aber sie bergen auch Problematiken. Die Zugänge sind vielfach rückwärtsgewandt oder unangemessen vereinnahmend.[12] Doch wie auch immer man sie bewertet, sie nötigen dazu, die Religion und ihre Räume neu zu überdenken.

 

 

Ein zweiter Zugang: Die Religion entdeckt ihre Räume

Christliche Religion entfaltet Räume. Es sind Räume des Innehaltens, der Begegnung, der Gemeinschaft, des Gebets – Räume der Zuwendung im Angesicht Gottes. Glauben leben hat nicht nur eine innere, eine innerliche Seite, sondern immer auch einen äußeren Aspekt: im Wort der Predigt, im Brot des Abendmahls, im Wasser der Taufe, im Feiern des Gottesdienstes, im Gestalten des Gemeindeaufbaus, im Haus der Kirche.

So hat auch die christliche Theologie die Räume entdeckt.[13] Raum wird dabei zunächst allgemein verstanden als "begrenzte, gestaltete, lebenssteuernde Welt, die ich bin und in der ich bin. ... Ich als Raum bin in einem Raum."[14] Sowohl Handeln als auch Sprache und Denken folgen raumbildlichen Vorstellungen und Begrifflichkeiten.[15] Entsprechend sind auch alle Theologumena nur in Raumdimensionen aussagbar.[16] Das fordert die äußere, die Raum-Seite des Glaubens ein. Ein lediglich verstandener, allenfalls besprochener Glaube verkümmert zu einem innerlichen Bewusstseinsphänomen sittlicher Grundsätze ohne Gestalt und verliert seinen Inhalt. "Ohne Raum hat ein auf mich zukommender Christus keinen Platz."[17]

Von daher gewinnen auch die Räume, in denen sich Menschen aufhalten, neue Beachtung. Denn jedes Verweilen und Tun wird mitbestimmt von dem Raum, in dem es sich ereignet.[18]

Das gilt insbesondere von Gottesdiensträumen, deren Bau, Gestaltung und Einrichtung die Feier der Begegnung von Gott und Mensch arrangiert. Damit ist die Frage aufgeworfen, ob und ggf. wie diese Orte besonders qualifiziert sind und 'heilig' genannt werden können.

 

 

Probleme der Vermittlung

Nicht nur die Kirchen sind vielen Menschen fremd geworden, das gleiche gilt auch für die Bild- und Gestaltungsprogramme ihres Baus und Inventars. Eine religionsnahe Sozialisation ist heute die Ausnahme, viele Besucher überschreiten vorbehaltlos, wenn nicht gar gedankenlos die Portalschwelle.[19]

Selbst wenn sie noch eine Ahnung von der Besonderheit des Ortes oder kunstgeschichtlich-museales Interesse mitbringen, die Kirchen vermitteln sich ihnen nicht von selbst.[20] Ohne Hinführung bleibt das Wahrgenommene unvertraut. Als Anschauungsorte bergen Kirchen Schätze, doch sie gehören aufgeschlossen.

Hieraus lässt sich eine neue Aufgabe gemeindepädagogischer Arbeit ableiten: "zu vermitteln ... zwischen Fremdheit und Vertrauen, Gemeinde und säkularer Öffentlichkeit, der Innen- und Außenseite des Glaubens, zwischen Sehen und Hören."[21]

 

 

 

DER KIRCHENRAUM

Und Jakob fürchtete sich und sprach:
Wie heilig ist diese Stätte!
Hier ist nichts anderes als Gottes Haus,
und hier ist die Pforte des Himmels. Gen 28,17

Im Alten Testament konstituieren Epiphanien besondere Räume (Gen 28,17; Ex 3,5.12). Gottesbegegnungen gelten als ergreifend und unheimlich. Heilige Orte (auch Lev 6,9.19f; Ez 42,13 u.a.) sind für die Menschen mit Gefahr verbunden (Ex 19,12; Num 4,15.20; 2.Sam 6,6f). Im Umgang mit diesen Phänomenen gibt es im Alten Testament zwei Grundlinien. Die eine verortet Gottes Wirklichkeit in besonderen, ausgesonderten Räumen, die vom profanen Gebrauch ausgeschlossen sind (Jes 6,3f). Prädestinierter Ort hierfür ist der Tempel in Jerusalem, in dem der Umgang mit Gottes Heiligkeit kultisch geregelt ist. Der Tempel schützt vor dem Erschreckenden. Er hat sinn- und identitätsstiftende Bedeutung (Ps 46,5-8; 84,2-5). Die Vorstellung, dass man Gott jedoch ausschließlich dort rituell angemessen begegnen kann, stößt auf prophetische Kritik (Jer 7,4; Am 5,21-27; Jes 1,10-17 u.a.). Darin wird betont, dass Gott unverfügbar ist (1Kön 8,27; Ex 3,14; 20,4f) und sich jeder Domestizierung widersetzt.

Im Neuen Testament verliert der Tempel als heiliger Ort seine zentrale Bedeutung (Act 17,24). Im Zentrum steht jetzt die lebendige Gottesbegegnung in Jesus Christus, der in seiner Person göttliches und menschliches Sein vereint. Die Begegnung mit dem Heiligen ist personalisiert. Sie findet nicht im Tempel statt, sondern 'in Christus', der nun selbst als Tempel bezeichnet wird (Joh 2,21). Mehr noch, durch den Beistand des Heiligen Geistes in der Taufe sind auch die Glaubenden geheiligt und werden nun 'Tempel Gottes' genannt (1Kor 3,16f; 6,19; Eph 2,19-22). Auferbauung (oikodome) dieses heiligen Gebäudes, in dem Christus der Eckstein, also tragender Grund, ist (Mt 21,42; Eph 2,20 u.a.), bedeutet Aufbau der Gemeinde.

Die frühe christliche Tradition entwickelte kein eigenes Raumprogramm. "Warum hätte man Gebäude errichten sollen, wo man jederzeit mit der Wiederkunft Christi rechnete?“[22] "Jeder Raum konnte durch das Tun der Versammlung – die Feier des Mahls, insbesondere die Gebete – geheiligt werden.“[23]

Auf diesem Hintergrund ist Luthers Stellung zum Kirchenbau zu verstehen. In Absetzung zu substanzhaften Vorstellungen des Heiligen in der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit bezeichnet er das Kirchengebäude nach der in ihr versammelten Gemeinde: "wir, die zusammenkommen, machen und nehmen uns einen sonderlichen Raum und geben dem Haus nach dem Haufen einen Namen."[24] Der "sonderliche Raum" ist funktional bestimmt. Sein Zweck liegt in der Zusammenkunft zu Verkündigung und Gebet. Luther weist ihm in der Einweihungspredigt für die Schlosskirche in Torgau (1544) zu, "das nichts anders darin geschehe, denn das unser lieber Herr selbs mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir widerumb mit jm reden durch Gebet und Lobgesang."[25]

Ähnlich auch Calvin: "Wie nun Gott den Gläubigen das gemeinsame Gebet in seinem Wort gebietet, so müssen auch öffentliche Kirchengebäude da sein, die zum Vollzug dieser Gebete bestimmt sind."[26] Jedoch sollen die Menschen, "sie nicht etwa ... für Gottes eigentliche Wohnstätten (zu) halten, ... ihnen nicht irgendeine verborgene Heiligkeit andichten, die unser Gebet bei Gott geheiligter machte. Denn wir sind doch selbst Gottes wahre Tempel."[27]

Drei Dinge machen also nach protestantischem Verständnis den Kirchenbau aus: "das Zusammenkommen der Christen, das Hören von Gottes Wort und die Antwort der Gemeinde in Form von 'krefftig gebete gen Himel schikken'."[28] Der Versammlungsort an sich hat keine besondere religiöse Qualität. Heiligkeit lässt sich nicht dinglich festmachen. Sie entsteht allein in der Versammlung der Glaubenden zur gottesdienstlichen Feier (nihil extra usum[29]), konstituiert im Ereignis von Wort (Verkündigung und Gebet) und Sakrament.[30] Das Wort schafft sich selbst Raum, eines äußerlich gestalteten bedarf es nicht. Vor allem aus dieser "am ehesten wohl pragmatisch zu nennenden Raumtradition"[31] resultieren auch heute verbreitete "Schwierigkeiten der Protestanten, mit Räumen umzugehen".[32]

Als Beispiel hierfür kann das Kirchenbaukonzept der 60er und 70er Jahre dienen. Die Errichtung multifunktionaler Gemeindezentren, die keinen sakralen Charakter haben sollten, wurde maßgeblich theologisch begründet.[33] Durch die Gebrauchsorientierung bei deren Gestaltung sind vielen ihre Kirchen jedoch fremd geworden. Die weithin beklagte spirituelle Armut des heutigen Gemeindelebens korreliert mit dem Verlust seiner Räume als Orte existentieller Gottesbegegnung.[34]

Denn Kirchenräume werden nicht allein funktional wahrgenommen. Die Raumwirkung geht in der theologischen Bedeutung nicht auf. Kirchen werden als Orte mit Anmutungs- und Repräsentationsqualität erfahren. Phänomenologisch gesprochen haben sie Ausstrahlungs- und Aussagekraft.[35]

Diese anzutreffende umfassendere Zugangsweise zum Phänomen Kirchenraum ist nicht bloß zu berücksichtigendes Eingeständnis in die Bedürfnislagen menschlicher Verfasstheit. Sie ist begründet in der "Angewiesenheit des Menschen auf feste und überzeugende, sinnlich erfahrbare Ausdrucksgestalten."[36] Die sinnliche Wahrnehmung ist unverzichtbarer Bestandteil von Verstehen und Erfahren.

Im Raumerleben werden – wie auch nach der Intention seiner Erbauer – vielschichtige Assoziationen und Konnotationen angesprochen. Dabei lässt sich auf formaler Ebene eine kontemplative Dimension und auf inhaltlicher Ebene eine hermeneutische Dimension erkennen. Kirchen sind Orte der Einkehr, des Hinweises, der Orientierung, der Beziehung.

Die Erfahrung beim Betreten der Kirche ist zunächst einmal die Erfahrung der Differenz zur Außenwelt.[37] Mit dem Eintritt in die Kirche wird eine Schwelle überschritten, die den Alltag abgrenzt. Zur "Umfriedung"[38] kommt der Eindruck des Raumes, der eine Stimmung auslöst. Dadurch entsteht ein emotionaler Zugang zum Kirchenraum. Im Zusammenspiel mit der eigenen Gestimmtheit ermöglicht die "Gestimmtheit des Raumes“[39] dem Besucher, sich zu öffnen, um zu sich selbst und zu Gott zu kommen. Besinnung bedeutet vielfach auch Öffnung für Fragen, die sonst außen vor bleiben. Kirchenräume sind auch "Freiräume, die Menschen von der Pragmatik der Sach- und Alltagszwänge ... entbinden können“[40], Freiräume für äußere und innere Einkehr.

Der "Freiraum“ Kirche ist jedoch inhaltlich bestimmt. Die Ingebrauchnahme durch die Gemeinde hinterlässt Spuren in der Kirche, die sich als Erinnerungszeichen vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger religiöser Nutzung lesen lassen.[41] Sie beeinflussen den äußeren Raum und umgekehrt. Kirchen lassen sich als 'Texte' verstehen, die man lesen kann.[42]

Kirchen sind Räume des Hinweises in mehrfachem Sinne. Einerseits weisen sie in die Vergangenheit, auf die verschiedenen religiösen Lebenswelten der christlichen Tradition. Der Kirchenraum bildet Kirchengeschichte ab. In Gestaltung und Inventar der Kirchengebäude kommen die ihr zugrundeliegenden Glaubensvorstellungen zum Ausdruck. Andererseits repräsentieren Altar und Taufbecken, Kanzel und Kreuz, Bilder und Bänke und die Strukturen ihrer Zuordnung zueinander die Gegenwart, die aktuelle Wirklichkeit gemeindlichen Lebens, das sich dieser Tradition verdankt. Zentral ist die Ausrichtung auf die gottesdienstliche Feier, die heilige Handlung in Gottes Gegenwart. Kirchenräume sind konzipiert und gestaltet für die liturgisch inszenierte Begegnung Gottes mit den Menschen.[43] Insofern sind sie als "Verweise auf etwas, das den Alltag transzendiert"[44], auf die Zukunft, auf Gottes kommende Wirklichkeit hin ausgerichtet. In ihrer Anlage sind Kirchen Orientierungspunkte (Orient=Osten) im Hinblick auf die Ankunft des Heiligen.

Kirchen sind Orte der Orientierung. Sie zeigen "demjenigen, der in sie hineingeht, an, daß er bei seinem Eintritt die Schwelle vom Sinnbezirk des Alltags und dessen pragmatischen Zwängen überschritten und sich in einen anderen 'Sinnhorizont' hineinbegeben hat und sich damit einer anderen Einstellung verpflichten kann."[45]

Kirchenräume sind ihrem Wesen nach religiöse Beziehungsräume. Indem sie Geschichten von Gott, von den Erfahrungen der Menschen mit Gott und von ihrer Gemeinschaft 'erzählen', indem sie auf die heilige Handlung des Gottesdienstes verweisen, bilden die Kirchen Beziehungsgeschehen ab. Das Gesamtprogramm des Baus zielt darauf ab, Menschen mit dem Raum und seinen Geschichten und Erfahrungen in Beziehung zu setzen, so dass es ihnen möglich ist, sich selbst in sie einzuschreiben, sie sich zu Orientierungspunkten werden zu lassen. Darüber hinaus ist hier der Ort gemeinschaftlicher Religionsausübung. Kirchen sind soziale Räume. Sie stellen dar, dass religiöses Handeln Beziehungshandeln ist, in dem Begegnung stattfindet und Gemeinschaft gestiftet wird.

Kirchen besitzen also keine Heiligkeit als ontologische Qualität, doch sie sind Räume im Bereich des heiligen Geschehens. "Sowenig Kirchenräume an sich schon die Präsenz Gottes dinglich festhalten, sowenig sind sie Wegwerfware ... Jeder Umgang mit ihnen ist ein Umgang mit durch Gotteserfahrungen geheiligten Texten. Sie atmen etwas von Gotteserfahrungen, welche in der durch Musik, Bild, Ritual und Rede verstärkten Textur zu einer ergreifenden Lektüre geraten können."[46]

 

 

 

RELIGIONSPÄDAGOGISCHE BEZÜGE

 

Religion in Gestalt

Die Frage nach der Raumgestalt religiöser Lebensbezüge greift die neuere Diskussion der Religionspädagogik auf. Wenn Kirchengebäude interessant, zugleich aber unbekannt geworden sind, stellt sich heute die Aufgabe, Zugänge zu diesen Ausdrucksformen gelebter Religion aufzuzeigen. Um Religion erschließen, darauf zugreifen und sich lernenderweise in sie einbringen zu können, muss sie wahrnehmbare Gestalt haben.

Diese Zugangsweise setzt sich ab von problemorientierten Ansätzen der 70er und 80er Jahre, als religiöse Themen überwiegend funktional auf Vermittlung von 'Handlungs- und Problemlösungskompetenz' ausgerichtet waren. Damit wurde die intellektuelle innerliche Seite religiösen Lebens, verortet im Bewusstsein des Einzelnen, einseitig überbetont. Der Religionsunterricht verengte seinen Gegenstand zu einer nahezu gestaltlosen "Mitteilung ohne Darstellung"[47] ohne Anschluss an institutionalisierte, tradierte, überindividuelle Frömmigkeitspraxis.

Religion wird nicht durch kognitives Verstehen allein begriffen. Wer den Segen verstanden hat, hat damit noch nicht gelernt, ihn zu empfangen. Religionserschließung greift weiter aus auf die verschiedenen Sinne menschlicher Wahrnehmung. Lernen vollzieht sich in, mit und unter vielschichtigen Prozessen, die – nach reformpädagogischem Ansatz – Kopf, Herz und Hand betreffen. Vermittlung religiöser Wirklichkeit muss handlungsorientierte[48] und erfahrungsbezogene[49] Elemente aufnehmen.

Dieses entspricht auch dem eigentlichen Gegenstand religiöser Erziehung, der besagt, "daß Religion mehr ist als Sinnvermittlung, daß sie vielmehr als spezifische Kultur des Verhaltens zum Unverfügbaren Erfahrungen mit und Verhaltensweisen gegenüber dem Heiligen eröffnet und vermittelt."[50] Nicht nur "Kinder lernen Religion nicht hauptsächlich als Lehre, sondern als eine Art Heimatgefühl, das sie mit bestimmten Zeiten und Rhythmen, mit Orten und Ritualen verbinden. Sie lernen Religion also von außen nach innen."[51]

Damit ist die protestantische Zentralstellung des Wortes nicht überholt, jedoch eingebettet in einen ihm religionspädagogisch angemessenen Sinn- und Handlungszusammenhang, weil verortet sowohl in individuellen Glaubenssätzen als auch im Raum praktischer Religionsausübung. In diesem Sinne zielt Religionsunterricht nicht auf Bescheidwissen, sondern darauf, in der Begegnung mit gestalteter christlicher Religion Erfahrungen zu machen und an ihnen reflektiert 'Christentum' zu lernen.

Auf unterrichtliche Prozesse bezogen heißt das: Religion wird gestaltet, gefeiert, begangen. Sie erschließt sich auch und gerade durch ihre Ausdrucksformen. Diese lassen sich jedoch nicht im 'drüber reden' begreifen, sondern im teilnehmenden Mitvollzug. Es genügt nicht, um die Bezüge informell zu wissen, denn diese werden ja erst im Handeln angeeignet. Man lernt singen, indem man singt. Man lernt Gottesdienst kennen, indem man an ihm teilnimmt. Man lernt Kirchengebäude kennen, indem man sie aufsucht.

Lernen ist dabei ein interaktiver Vorgang, bei dem äußerer Anstoß und eigene Verarbeitung zu produktiver Gestaltung von Wirklichkeit gerinnen. Damit Kenntnis zu Erkenntnis wird, muss Eigenbeteiligung hinzukommen, die Möglichkeit, sich selbst in den Prozess der Begegnung mit dem Lerngegenstand einzubringen, um so das jetzt Erfahrene mit dem bislang Erfahrenen rückkoppeln, vergleichen, verbinden und zu einer eigenen Konstruktion von Wirklichkeit zusammensetzen zu können, so dass sich dem Lernenden eine neue Erfahrung erschließt.[52]

Kirchenpädagogik lädt ein, im Kirchenraum Platz zu nehmen, ihn zu besetzen, zu begehen, zu entdecken. So wird praktisch erlebbar, sich im Raum der Religion zu verorten, einen neuen Ort einzunehmen. Solcher Ortswechsel bedeutet auch Perspektivenwechsel: die Betrachtung des Raumes und seiner Verweise aus Sicht des eigenen biographischen Hintergrundes und damit das 'Eintragen' eigener Konnotationen in religiöse Deutungsmuster einerseits, und umgekehrt die Betrachtung der individuellen biographischen Topoi sub specie religionis. Im Erfassen geraten die Verweise auf die gemeindliche und die andere, göttliche Wirklichkeit in Kommunikation zum Rezipienten und werden 'aktuell'.

Vermittlung geschieht durch Begegnung. Sie ist ein zweiseitiges Geschehen, das darauf abzielt, das 'Angebot' ihrer Inhalte in einem "offene(n) Interpretationsprozeß"[53] in Dialog mit dem Einzelnen treten zu lassen und ihn in der Begegnung mit diesem zum Aufbau eines eigenen Wirklichkeitsverständnisses anzuregen.

Damit es dazu kommt, bedarf es der Konfrontation mit dem 'Fremden', weil "sich Vermittlung durch Verfremdung des Ichs und Unterbrechung des gewohnten Lebenszusammenhangs vollzieht"[54]. Denn "in der Spannung des Vertrauten mit dem Fremden liegt die motivierende Kraft zur Auseinandersetzung, die Einsichten ermöglicht.“[55] In der Kirchenpädagogik wird die Fremdheit gegenüber dem Raum nicht als Tribut, sondern als Kapital begriffen, das die Chance des Staunens, des Erkenntnisgewinns und der Begeisterungsfähigkeit birgt.[56]

Die Fremdheit entspricht insofern dem Raum, als dieser auf die 'welt-fremde' Wirklichkeit des Heiligen verweist. Das Heilige wirkt anziehend und erschreckend zugleich. Otto spricht von dem Heiligen als Majestätischem und Ungeheuerlichem, als 'fascinosum' und 'tremendum'.[57] Insofern ist "die Fremdheit des Glaubens ... theologisch begründete Notwendigkeit."[58] Zugleich heißt Glauben Vertrauen, also Überwindung des Befremdenden. In den Ambivalenzen von 'fascinosum' und 'tremendum', von Fremdheit und Vertrauen, von Distanz und Nähe steckt eine Spannung, die der Kirchenraum abbildet. "Es kennzeichnet Kirchenräume ..., daß sie in ihrer Ausgestaltung die Welt-Fremdheit des Glaubens zum Ausdruck bringen und dennoch das Vertrauen stiften, daß man sich gerne in ihnen aufhält."[59]

Kirchenpädagogik begreift diese Spannung als Lernchance. Indem sie mit den in Kirchen zu Stein gewordenen Abbildern dieser Spannung vertrauter macht, bricht sie die Fremdheit auf. Damit wird das neuzeitige Vermittlungsproblem des Glaubens, das sich aus einer Überbetonung kognitiver Zugänge zur Religion ergeben hat, aufgegriffen und ein Brückenschlag versucht. Es soll nicht beim Fremden oder Befremden bleiben. Intendiert ist vielmehr, dass durch die Annäherung an den Raum das Befremden einer Verwunderung weicht. Denn diese ist dem Raum angemessen, weil "der Glaube mit Verwunderung beginnt".[60]

Daraus ergeben sich jedoch didaktische Schwierigkeiten, gerade in Gruppen, in denen nicht jeder Einzelne eine Entscheidung für diese Religion getroffen hat – z.B. in Schulklassen. Um eine schulisch verordnete Religionsausübung zu vermeiden, wird deshalb vielfach Ziehes Theorem vom unterrichtlichen 'Probehandeln'[61] herangezogen. Danach werden im Unterricht die Ausdrucksformen religiösen Lebens 'probeweise', in teilnehmender Beobachtung, ergriffen, um sie im Gebrauch (ggf. vor Ort) kennenzulernen, ohne sich ihnen ganz auszusetzen. So soll das Fremde vertraut werden, ohne es zu vereinnahmen oder von ihm vereinnahmt zu werden. Die kritische Distanz zur Wirklichkeit ermöglicht reflexives Hinterfragen, und nur so wird gelernt anstatt in affirmativer Betroffenheit steckenzubleiben.

Kirchenpädagogik zielt deswegen zunächst nicht auf Mitvollzug oder Nachahmung liturgischer Übungen, sondern auf die Erkundung des Raumes und seiner Verweise. Unter pädagogischen Fragestellungen werden Spiel-Räume für probeweises Handeln geöffnet, das nicht Teilnahme an religiöser Praxis ist, sondern gleichsam im Vor-Raum geschieht. Kirchenpädagogik findet grundsätzlich im Vorfeld religiösen Handelns statt.

Doch dieses Konzept hat auch Grenzen. Die eine ist im Kirchenraum ganz praktischer Natur. Denn der teilnehmende Mitvollzug an liturgisch geprägten Formen religiösen Lebens geschieht hier an seinem eigentlichen Ort in seinen originalen Bezügen. Eine Differenzierung zwischen Probehandeln und religiösem Tun ist in diesem Rahmen kaum erkennbar zu machen. Eine trennscharfe Grenzziehung ist hier nicht möglich. Denn ob der Mitvollzug als religiöse Übung oder als distanzierte Beobachtung erlebt wird, hängt ja nicht von einer religionsdidaktischen Vorgabe ab, sondern von einer Verknüpfung von Sich-Einlassen und Eingelassen-Werden.[62]

Daher lässt sich fragen, ob es nicht religionspädagogisch um der Sache willen angezeigt ist, in der Begegnung mit Religion noch einen Schritt weiter zu gehen, um so dem Besonderen, dem Eigentlichen näher zu kommen. Im Rahmen einer kirchenpädagogischen Begehung scheinen solche Grenzgänge – mit Einladung und Vorbereitung, in ausgewählten Momenten – denkbar (s.u.).

 

 

 

KIRCHENPÄDAGOGIK

Über Kirchengebäude lassen sich didaktisch angemessene Zugänge zur christlichen Religion gestalten. Doch diese Zugänge erschließen sich nicht von selbst. Kirchen müssen aufgeschlossen werden – im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne. Daraus ergibt sich für das kirchenpädagogische Handlungsfeld eine doppelte Aufgabe:

  • Raum zu geben, in dem Platz ist für grundlegende Fragen und Gedanken, in dem Erfahrungen mit sich, mit Religion, mit Gott gemacht werden können,
  • den Kirchenraum zur Sprache kommen zu lassen, d.h. die Begegnung mit seinen Verweise zu arrangieren, indem Entschlüsselungshilfen bereitgestellt werden und Möglichkeiten geboten werden, sich 'einzutragen'.

Für dieses Handlungsfeld wurde 1991 auf der ersten Jahrestagung des bundesweiten kirchenpädagogischen Arbeitskreises in Anlehnung an die Museumspädagogik[63] der Begriff 'Kirchenpädagogik' gefunden. Er hat sich seitdem in der einschlägigen Literatur durchgesetzt.

Der Museumspädagogik verdankt die Kirchenpädagogik entscheidende Anregungen. Gerade in Bezug auf die methodische Vielfalt haben die Kirchenpädagoginnen und Kirchenpädagogen viel im Museum gelernt. In der inhaltlichen Ausrichtung gibt es jedoch Unterschiede. Im Unterschied zum Museum befinden sich die religiösen Bilder und Gegenstände in der Kirche am authentischen Ort. Deshalb werden sie mit dem ihnen originalen Raum in Beziehung gesetzt. Während die Museumspädagogik eher nach Entstehung und Bedeutung des Kunstwerks 'für sich' fragt, geht es der Kirchenpädagogik um die Verortung seiner Verweise im Arrangement seiner religiösen Bezüge. Im Zusammenspiel seiner Bezüge kommt deren Sinngehalt zum Tragen. Und da diese auf den besonderen Raum im Bereich des heiligen Geschehens verweisen, steht nicht ein kulturgeschichtlich-museales Interesse im Vordergrund, sondern die Begegnung mit dem Raumverweisen des 'heiligen Raumes'.

Für Kirchenpädagogik liegt bislang keine geschlossene Konzeption vor. Die haupt- und ehrenamtlichen Kirchenpädagoginnen und Kirchenpädagogen in Deutschland setzen jeweils eigene Schwerpunkte. Zwei 1998 erschienene Sammelbände von Th. Klie und R. Degen/I. Hansen bzw. das Handbuch von M.L. Goecke-Seischab/J. Ohlemacher[64] versuchen erste Orientierungen. Danach lässt sich bestimmen:

Kirchenpädagogik ist ein religionspädagogisch verantwortetes Vermittlungskonzept, das im Kirchenraum als Erfahrungs- und Lernort eine Erschließung der dort abgebildeten religiösen Verweise und Bezüge inszenatorisch arrangiert. Sie will denjenigen, denen die Kirche fremd (geworden) ist, und denjenigen, die Kirche neu sehen lernen möchten, christliche Religion erschließen, indem sie ihre Räume erschließt.

Kirchenpädagogisches "Ziel ist … die persönliche Begegnung der Teilnehmenden mit einem Kirchenraum"[65] und den Bezügen, die er eröffnet. Wenn es gelingt, Menschen mit dem ‚religiösen Beziehungsraum Kirche' in Beziehung zu bringen, kann eine bereichernde Begegnung mit den verschiedenen Dimensionen religiöser Wirklichkeit initiiert werden.[66]

In der Kirchenpädagogik wird dieses In-Beziehung-Bringen gestaltet. Die Begegnung mit dem Kirchenraum erhält eine Form. Sie wird inszeniert.[67] Dieses In-Szene-Setzen kann auf mannigfaltige Weise geschehen. In der Praxis lassen sich zwei Bereiche unterscheiden: die Öffnung und Einrichtung der Kirchen und ihre kirchenpädagogische Begehung.

 

 

Kirchen öffnen

Bereits 1959 veröffentlichte die Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirchen in Deutschland (VELKD) die Empfehlung zum täglichen "Offenhalten der Kirchen".[68] Damit soll in hektischer Zeit ein Raum der Ruhe, der Andacht, des Gebets zur Verfügung gestellt werden. Darüberhinaus zielt die Öffnung der Kirchen darauf ab, "die Geschichten und Glaubenserfahrungen, die sich mit kirchlichen Einrichtungsgegenständen verbinden, ... wieder zu Gehör zu bringen."[69] Eine geöffnete Kirchentür steht für eine offene Gemeinde.

Mit dem Kirchen-Öffnen einher geht deren Gestaltung und Einrichtung. Denn Kirchen können vom Glauben nur erzählen, wenn sie 'ansprechend' gestaltet sind. Die Gestaltung zielt darauf, die Verweise des Raumes deutlicher zur Sprache zu bringen und Raum einzurichten, die 'An-Sprache' in Ruhe zu hören. Dazu sind im Auftrag der VELKD verschiedene Anregungen zusammengetragen und veröffentlicht worden.[70]

Sie beziehen sich einmal auf gestalterische Veränderungen im Zuge von Neu- und Umbaumaßnahmen, also die Anordnung des Altars, die Zuordnung des Gestühls, die Arrangements von Licht und Farbe etc.

Zum anderen wird die vorfindliche Kirche ihrem Gehalt entsprechend zur Geltung gebracht. Dabei geht es um das Anbieten einer Andachtsmöglichkeit, also um Bereitstellen von Bibel, Gesangbuch, Kerzen (ggf. einer sog. Kerzen-Weltkugel), Gebetstexten (ggf. Gebetswand), Meditationshilfen etc., das Schmücken von Altar, Taufbecken und Kanzel (Antependien, Blumen etc.), das Auslegen von Bibel oder Lektionar an Kanzel, Lesepult und Altar, einen recht platzierten Schriftentisch (mit Einladungen zu den Gemeindeveranstaltungen), Hinweisschilder und einladende schriftliche Kirchenführer (ggf. Kinderkirchenführer) mit Erschließungshilfen zu Kirchenraum und Kunstwerken, das Spielen von Orgelmusik zu bestimmten Zeiten, das Bilden einer Gruppe von Kirchenführer/innen bzw. Schriftenverkäufer/innen, die Übernahme von sog. Bild- oder Ornamentpatenschaften u.v.m.

 

 

Kirchen begehen

Der andere Schwerpunkt kirchenpädagogischer Arbeit ist die inszenierte Begehung, in der der Kirchenraum als Handlungsraum von Gruppen wahrgenommen wird. Im Begehen, Erkunden, Erschließen der Kirche nehmen sich die Teilnehmenden Raum für Begegnung mit den Verweiszeichen der christlichen Religion. Mit dem Eintritt in die Kirche verlassen sie den Sinnbezirk des Alltags und setzen sich den Repräsentationen des Religiösen aus.

Der umfriedete Raum Kirche schafft dabei einen Rahmen für kirchenpädagogische 'Spiel-Räume'. Diese 'Spiel-Räume' werden in der Begehung in Szene gesetzt. Im Darstellen von Standbildern oder szenischem Spiel, im liturgischen Tanz, im Erzählen, Singen oder Malen wird Begegnung inszeniert durch Unterbrechung des Gewohnten und "Wiederentdeckung eines fremden Blicks auf Religion und Kirche"[71]. Im Punktstrahl der Taschenlampe, im 'blinden' Betasten erscheinen bekannte Gegenstände in neuem Licht. Gebaute Tradition wird übersetzt in lebendige Situation.

Hier wird eine Abgrenzung zu herkömmlichen Kirchenführungen deutlich: die Intention, den Menschen mit allen seinen leiblich-seelischen Bezügen einzubeziehen. Eine allein auf das Hören konzentrierte Führung verengt den Raum einseitig.[72] Sehen und Hören, Riechen und Schmecken, Singen und Beten, Gehen und Fühlen sind adäquate Handlungsformen bei Kirchenbegehungen.

Ein weiterer Unterschied betrifft die zu vermittelnden Inhalte. Kirchenpädagogische Begehungen befassen sich nicht wie traditionelle Kirchenführungen vorrangig mit der Historie. Ziel ist nicht, mit anderen ('ganzheitlichen') Methoden erleben zu lassen, 'wie es früher war'.[73] Denn der Kirchenraum verweist auf seinen Gebrauch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Angemessen ist dementsprechend eine Berücksichtigung aller drei Zeitebenen.[74] Die Begehung zielt darauf, eine 'Idee dieser Kirche für mich' entstehen zu lassen, die die Frage nach der 'Idee des Glaubens' entbinden kann.

Die Chance der Kirchenpädagogik ist dabei die Offenheit des Zugangs. Denn sie kommt ohne die vorgeprägten Verhaltensstrukturen des liturgischen Gottesdienstes aus. Der Rahmen ist weiter, die Spielräume variantenreicher, und damit die Möglichkeit, sich einzutragen, breiter. Die Niederschwelligkeit kirchenpädagogischer Arbeit erleichtert die Bereitschaft des eigenen Heranwagens an den Raum und damit an die Religion, die er repräsentiert.

Kirchenpädagogik richtet damit methodisch im religiös ausgewiesenen Bezirk gleichsam einen 'Vorhof zum Heiligen' ein, der spielerisch ermöglicht, eigene religiöse Anfragen und Vorerfahrungen einzutragen und in Beziehung zu setzen zu den Verweisen des Raumprogramms, deren Bezüge unbekannt geworden sind. Dadurch wird Öffnung und Begegnung möglich. Zudem ist dies ein notwendiger Schritt eines Lernens, das nicht nur Anhäufung von Stoffwissen ist, sondern auf Erfahrung und Erkenntnis zielt. Die mangelnde Vertrautheit wird dabei zur Lernchance, die Spannung erzeugt und Bedeutungsspielräume öffnet.

Diese Spielräume zu öffnen, ist für die Begegnung zunächst notwendig. Dies ist auch theologisch vertretbar, denn nach protestantischem Kirchenraumverständnis kommt dem Raum selbst keine besondere Qualität zu. Dennoch verweist er auf das Besondere. Insofern liegt bei der religionspädagogischen Kirchenraumerschließung das Augenmerk darauf, in welcher Weise in einer Begehung die Besonderheit des Raumes angemessen zur Geltung kommen kann.[75]

Zudem ist das Nutzen von Spielräumen keine Spielerei. Denn diese 'Vorhof-Arbeit' kommt in der Begegnung und Aneignung der Verweise mit religiösen Vollzügen in Berührung. Die Spielräume sind zugleich Zugangswege. Die Begehung steuert auf ein Ziel hin. Was der Kirchenraum in seiner Anlage auf den Altar hin abbildet, die Orientierung auf das heilige Geschehen, wird in der Begehung inszeniert. Die Inszenierung unterstreicht, dass die christliche Religion auf die Begegnung mit Gott, auf das Beziehungsgeschehen des Glaubens zielt, in dem Gemeinschaft gestiftet wird, und das gemeinschaftlich erfahren werden kann. Sie führt an die Schwelle zum Heiligen.

Vorgeschlagen wird hier deshalb nicht der event, sondern der Advent, das inszenierte Ankommen im Raum Kirche.

Der Begriff 'Advent' bezeichnet einen 'Vor-Gang' auf ein besonderes Ereignis hin. Advent ist allmähliches Annähern, ein Entgegenkommen, das gestaltet begangen wird.

Das Ankommen beginnt bereits vor dem Betreten der Kirche mit der Bereitung durch die kirchenpädagogische Leitung. In dieser ersten Wahrnehmung des Raumes lassen Faszinationen, Spannungen, beziehungs- und sinnstiftende Verweise eine Idee von dieser Kirche 'für mich' entstehen, in der das Fremde, Spannungsreiche als Lernchance begriffen wird.

Dazu bedient sich die annähernde Begegnung einem Kontrapunkt zum wahrnehmbaren Zeitgeist: der Verlangsamung. Darin kommt zum Ausdruck, dass das Betreten der Kirche das alltägliche Leben unterbricht. Der andere Raum bricht das Tempo, das draußen vorherrscht. Die Szene wechselt. Das Ungewohnte erzeugt Aufmerksamkeit und gibt zugleich Raum für achtsameres, genaueres und offeneres Wahrnehmen. Diese "Augenblicke von Intensität und Konzentration sind wiederholte Erfahrungen im Lernort Kirche."[76]

Der Advent ist die schrittweise Annäherung an die vielschichtigen Dimensionen der christlichen Religion 'auf dem Weg'. Im Prozess, vorangehend (procedere, Prozession) wird der Kirchenraum erschlossen.[77]

Dabei werden Spielräume geöffnet. Zugänge zum Kirchenraum werden 'erspielt', indem eingetragene Vorerfahrungen mit den Verweisen und Geschichten und Sinnangeboten des Raumes in Beziehung gesetzt werden. Diese Begegnung setzt die Begehung in Szene.

Im Ankommen geschieht gemeinschaftliches Annähern an das Glaubensleben, das im Kirchenraum vollzogen wird. Deshalb liegt es nahe, dabei die 'Ur-Kunde' des Glaubens, die Bibel, zu Wort kommen zu lassen, z.B. durch Vorlesen und Vorlesen lassen, im Erzählen, im Bibliodrama, in gestellten Szenen, als meditatives Wort für eine Zeit der Stille oder in bestimmten Formen von Gebet und Segen. Hierbei geht es nicht zuletzt um die Glaubwürdigkeit der Glaubenswirklichkeit in der Begegnung in diesem besonderen Raum. Häufig wird ein gemeinschaftliches religiöses Ritual als passend empfunden.

Die Problematik dieser Praxis wurde bereits dargelegt. Verordnete Religionsausübung ist nicht angemessen. Niemand darf auf diese Weise vereinnahmt werden. Auf der anderen Seite verfehlt ein reines Probehandeln zwingend das Eigentliche religiösen Tuns. Und die Bereitschaft zu weitergehenden, tieferen Erfahrungen ist vielfach vorhanden.

Deswegen erscheint es in der kirchenpädagogischen Praxis unangemessen, die Teilnahme an spirituellen Ausdrucksformen der christlichen Religion, für die die Kirche konzipiert ist, grundsätzlich auszuschließen. Ein Gebet (z.B. mit Anzünden einer Kerze), ein Segen, ein Psalmgebet als Wechselgesang etc. sind m.E. im Rahmen einer kirchenpädagogischen Begehung denkbar.

Zudem ist dies religionspädagogisch förderlich, weil sich in der Berührung mit dem Heiligen das Beziehungsgeschehen des Glaubens auftut, auf das der Kirchenraum, die Begehung und die Religion zielen. Dieses Tun geht nicht nur einen Schritt weiter auf dem Weg des Erfahrens, 'wie Religion funktioniert'. Es entbindet zugleich selbst eine produktive Spannung für den Einzelnen, die in der Frage nach der Bedeutung dieser Begegnung 'für mich' und nach der Dichte der – gewünschten – Annäherung zum Ausdruck kommt.

Wird zu Gebet und Segen eingeladen, endet das 'Spiel' im Vorraum.[78] Denn in Gebet und Segen wird die Schwelle zum religiösen Handeln beschritten. Das Gegenüber der Begegnung sind nicht mehr allein die Verweise des Raumes, sondern die Wirklichkeit Gottes. In der Begegnung wird eine Beziehung aufgebaut. Sie hat selbst räumlichen Charakter, dadurch ist sie erfahrbar und ergreifbar. Die Schwelle beschreibt die Möglichkeiten und die Grenzen kirchenpädagogischer Arbeit, 'auf Glauben hin zu agieren'. Sie führt heran und erlaubt dabei unterschiedliche Formen der Annäherung. Ein Eintreten liegt nicht in ihrer Hand.

Weil die Inszenierung der Begehung an diese besondere Schwelle führt, wird sie so gestaltet, dass die Besonderheit der Situation erkannt und ergriffen werden kann. Religionspädagogisch gehört dazu, Beginn und Ende klar abzustecken und eine Rückzugsmöglichkeit anzubieten in einem Rahmen, der diejenigen, die nicht mitsprechen möchten, weder hineinzwingt noch ausschließt.

In diesem Rahmen entspricht ein Segen zum Abschluss einer kirchenpädagogischen Begehung dem Raumprogramm und vielfach den Teilnehmerbedürfnissen. Und es gibt kaum etwas Passenderes und Bedeutenderes, was man aus diesem Raum mitnehmen könnte, als den Zuspruch:

Möge sich der Weg vor dir öffnen und möge Gott mit dir sein.

 

 

 

 

 


[1] Vgl. Chr. Reichenbacher, Rastplätze für Leib und Seele schaffen, in: Kirchenführer-Handbuch o.J., 1. Vgl. ders., Pilgerweg und Tourismusstraßen - Kirchen am Wege, in: R. Degen/I. Hansen 1998, 157-167. Vgl. auch M.L. Goecke-Seischab/J. Ohlemacher 1998, 12; F. Fichtl 1996, 4, u.a.

[2] Chr. Grethlein, "Kirchenpädagogik" im Blickfeld der Praktischen Theologie, in: Th. Klie 1988, 21. Das belegt auch die zunehmende Anzahl von Veröffentlichungen zu diesem Thema (z.B. Themenhefte RU III/87 und Kunst und Kirche I/94).

[3] Maßgeblich dies, "eine Gelegenheit zu schaffen, in der Stille des Gotteshauses zu beten und Andacht zu halten, ... den der Unruhe und lärmenden Enge ausgelieferten Menschen für eine kurze Zeit des Tages zur Einkehr und Sammlung einzuladen" ist schon 1958 der Grund für die Bischofskonferenz der VELKD zu ihrem Aufruf zum "Offenhalten der Kirchen"; abgedruckt in R. Heue, A. Seiferlein, Kirchen erzählen 1993, 9f.

[4] Die Zahl der Museumsbesucher stieg von 1975 bis 1995 kontinuierlich von 22 Mio. (Westdeutschland) auf 91 Mio. (vereinigtes Deutschland) (1989 Westdeutschland: 70 Mio.); nach Weschenfelder/Zacharias, 361ff. Zitiert bei R. Degen, "Echt stark hier!" - Kirchenräume erschließen, in: R. Degen/I. Hansen 1998, 6, der daraus folgernd auf D. Guratzsch verweist: "Den Spitzenplatz unter den Freizeitvergnügen der Deutschen belegt nicht die Fußball- Bundesliga, sondern das Museum." Ebd.

[5] R. Degen, a.a.O. 1998, 6. A. Mertin, "....räumlich gläubet der Mensch", in: Th. Klie 1998, 69, Anm.59, sieht deshalb im Museum eine "Alternative (Heterotopie) zur klassischen Religion".

[6] R. Degen, a.a.O. 1998, 6f.

[7] Vgl. H. Barz, Postmoderne Religion, Die junge Generation in den Alten Bundesländern, Teil 2 des Forschungsberichts "Jugend und Religion" im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland (aej), Opladen 1992, 58f. Es werden jedoch auch gegenteilige Erfahrungen gemacht; vgl. E. Grünewald, "Heilige Orte" in multikultureller Großstadt, in: R. Degen/I. Hansen 1998, 47: "Unter den heute 8- bis 12- jährigen Hamburger Kindern nimmt die Empfindsamkeit für die Ausstrahlung von Kirchen allerdings ab." Kritisch auch Chr. Ricker, Brücke zwischen Sehen und Hören, in: Th. Klie 1998, 142.

[8] H. Barz, a.a.O. 1992, 63.

[9] Zum Begriff vgl. G. Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt - New York 1992, 34-54.

[10] Dazu B. Dressler, Die Schule entdeckt die Kirche als Ort von Religion, in: Th. Klie 1998, 81: "Sofern Religion dabei überhaupt im Spiel ist, wird sie, wie andere Produkte auch, nach ihrem Erlebniswert beurteilt, danach, wie sie als Technik zur Erzeugung von Selbstzuständen – Stimmungen, Ekstasen, Betroffenheiten, Ergriffenheiten usw. – nutzbar ist."

[11] H. Barz, a.a.O. 1992, 58.

[12] Vgl. B. Dressler, a.a.O. 1998, 81f.

[13] Vgl. Chr. Grethlein, a.a.O. 1998, 17; vgl. E. Failing 1997, 376: "Solange die Raumbezogenheit religiösen Lebens nicht als integraler Bestandteil der Praktischen Theologie bearbeitet wird, ist sie weder eine ernstzunehmende Wahrnehmens- noch eine realitätsbezogene Handlungstheorie."

[14] M. Josuttis, Vom Umgang mit heiligen Räumen, in: Th. Klie 1998, 35.

[15] Vgl. Chr. Radeke, Der Raum spricht mit, in: KuKi I/1994, 35f; A. Mertin, a.a.O. 1998, 51f.

[16] Vgl. Chr. Bizer 1995, 178f, der am Rechtfertigungsgeschehen anschaulich den Raum "von dort zu mir" und im Lob bis zum geöffneten Himmel durchmisst.

[17] Ebd. Vgl. auch H. Umbach 1996, 62f.

[18] Vgl. K. Richter, Raumgestalt und Glaubensgestalt, in: KuKi II/1993, 102 u. H. Muck, Raumerfahrung als Lebensentfaltung, ebd., 112-115.

[19] Vgl. Chr. Ricker, a.a.O. 1998, 142.

[20] Vgl. E. Grünewald, a.a.O. 1998, 47: "Der Kirchenraum ist kein magischer Ort, in dessen Bann man beim Eintreten automatisch hineingezogen wird."

[21] Chr. Ricker, a.a.O. 1998, 148 (Reihenfolge geändert).

[22] H. Schwebel 1997, 14.

[23] R. Volp 1995, 491.

[24] M. Luther im Großen Katechismus, BSLK, 656. Die Bezeichnung "Kirche" (von griech. kyriake - zum Herrn gehörig) bezieht sich zunächst auf die versammelte Gemeinde. Von daher erhält dann auch das Gebäude seinen Namen ("geben dem Haus nach dem Haufen einen Namen"); vgl. ebd.

[25] M. Luther in WA 49, 588. Vgl. auch ders., Von den guten Werken, WA 6, 239: "wo das gebet ernyder ligt (darniederliegt), wirt yhm (sc. dem bösen Geist) niemandt etwas nehmen, auch niemandt widderstehen: wo er aber gewar wurd, das wir diß gebet wolten uben, wen es gleich were unter einem strodach odder sew stal (Saustall), wurd er es furwar nit lassen gehn, sondern sich weyt mehr fur dem selben sewstal furchten, den fur allen hohen, grossen, schonen kirchen, turnen (Türmen), glockenn, die yrgent sein mugenn, wo solchs gebet nit drinnen were. Es ligt furwar nit an stetenn (Stätten) noch gepewen (Gebäuden), wo wir zusammen kommen, sondern allein an dissem unuberwindlichen gebet, das wir dasselb recht zusammen thun und fur got kommen lassen."

[26] J. Calvin, Institutio Christianae Religionis III, 20; zitiert nach der deutschen Übersetzung von O. Weber: J. Calvin, Unterricht in der christlichen Religion, Moers 1937, 472.

[27] Ebd.

[28] H. Schwebel, Von der Kirche in der Stadt zur City-Kirche, in: H. Schwebel/M. Ludwig 1996, 14.

[29] Vgl. FC, SD VII, in: BSLK, 1001.

[30] Vgl. M. Luthers Auslegung des 118. Psalms, WA 31/1, 179: "Ich acht aber, das man wol wisse, Das des HERRN haus heisse, wo er wonet, Und das er wonet, wo sein wort ist, Es sey auff dem felde, inn der kirchen, odder auff dem meer, Widderumb, wo sein wort nicht ist, da wonet er nicht, ist auch sein haus nicht da, sondern der teuffel wonet daselbs, wenns auch gleich eine gülden kirche were, von allen Bisschoven gesegenet."

[31] Th. Klie, "Ecclesia quaerens paedagogiam", in: Th. Klie 1998, 7.

[32] Vgl. den gleichnamigen Aufsatz von P. Beier, in: R. Bürgel 1995, 39-45.

[33] Vgl. H. Schwebel 1997, 370 u. 374; P. Beier, Von den Schwierigkeiten der Protestanten, mit Räumen umzugehen, in: R. Bürgel 1995, 39f.

[34] Entsprechend fragt A. Mertin, in: MuK 1997,7: "Welche Bedeutung haben die kirchlichen Räume für die Gemeinde, sind sie heiliger Ort oder profaner Veranstaltungsraum?“

[35] Dabei haben offenbar die großen alten Kirchen für die Menschen die meiste Ausstrahlung. Vgl. G. Schmidtchen, Gottesdienst in einer rationalen Welt, Religionssoziologische Untersuchungen im Bereich der VELKD, 1973, 105-109.

[36] W. Marx, Der sakrale Raum als öffentlicher, Elemente einer Ästhetik religiöser Raumgestaltung, in: R. Bürgel 1995, 26. Vgl. E. Failing 1998, 92: "Der sakral- und kultkritische Impuls läßt Fragen offen, anthropologische Bedürfnisse letztlich theologisch unbeantwortet und praktisch unbearbeitet.“ Vgl. ebd., 97f.

[37] Vgl. W. Gräb 1996, 177.

[38] Vgl. M. Josuttis 1995, 71-76, der hier einen von H. Schmitz geprägten Begriff aufnimmt.

[39] W.-E. Failing 1998, 100. Vgl. M. Josuttis, Vom Umgang mit heiligen Räumen, in: Th. Klie 1998, 36.

[40] Vgl. H.-G. Soeffner, Kirchliche Gebäude – Orte der christlichen Religion in der pluralistischen Kultur, in: Th. Klie 1998, 48.

[41] Vgl. H.-G. Soeffner, Kirchliche Gebäude, in: Th. Klie 1998, 44.

[42] Das entspricht der evangelischen Freiheit im Umgang mit dem Kirchenbau. Hier kommt Luthers Unterscheidung von Glaube und Liebe zum tragen, wenn er den Christen im Glauben frei von König, Welt und auch Kirchengebäude spricht, zugleich aber zugesteht, dass in der Liebe um der Beschaffenheit der Menschen willen, bei denen ohne äußere Zeichen religiöses Leben gar nicht denkbar ist, Kirchen, Bilder und Heiligengeschichten für das Glaubensleben hilfreich sein können, sofern sie nicht werkgerecht missverstanden werden. Vgl. Chr. Möller 1990, 172. Vgl. WA 26, 509: "Bilder, glocken, Messegewand, kirchenschmück, allter liecht und der gleichen halt ich frey, Wer da wil, der mags lassen, Wie wol bilder aus der schrifft und von guten Historien ich fast nützlich, doch frey und wilkörig halte, Denn ichs mit den bildestürmen nicht halte."

[43] Vgl. F. Fichtl, 5: Kirchen "sind Orte der Liturgie, der Predigt und Andacht. Und diesen Funktionen sind die Bildwerke in den Kirchen zugeordnet als Ansichten und Deutungen, Hinweise und Ausblicke der anderen, göttlichen und ewigen Dimension unserer Welt und Geschichte.“

[44] H.-G. Soeffner, a.a.O. 1998, 46.

[45] Ebd.

[46] R. Volp 1995, 491.

[47] B. Dressler, a.a.O. 1998, 78. Die heute anzutreffende Schülerfrage 'Was hat das mit Religion zu tun?' ist nur konsequent, spiegelt sich darin doch die Unerkennbarkeit einer nur gewussten, aber nicht erfahrenen Religion.

[48] "Handlungsorientierter Unterricht ist ein ganzheitlicher und schüleraktiver Unterricht, in dem die zwischen dem Lehrer und den Schülern vereinbarten Handlungsprodukte die Organisation des Unterrichtsprozesses leiten, so daß Kopf- und Handarbeit der Schüler in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander gebracht werden können.“ W. Jank/H. Meyer, Didaktische Modelle, Grundlegung und Kritik, Oldenburg 1990, 417.

[49] Erfahrung eignet sich deswegen als Kategorie der Religionspädagogik, weil sie "die Ansprechbarkeit der Kinder und Heranwachsenden gewährleistet, da alle von Erfahrung(en) herkommen und das, was sie sind, auf Grund von Erfahrungen (einer Erfahrungsgeschichte) sind. Zum anderen ist die Darstellbarkeit und Vermittelbarkeit des christlichen Glaubens sichergestellt, weil er anhand vieler (Einzel-)Erfahrungen von Menschen 'coram Deo – in Welt' aufgeschlüsselt und (gebrauchsfähig) elementarisiert werden kann.“ W.H. Ritter Glaube und Erfahrung im religionspädagogischen Kontext, in: Arbeiten zur Religionspädagogik IV, Göttingen 1989, 301.

[50] Ebd. (Kursiva im Original).

[51] F. Steffensky, Gott im Kinderzimmer 1998, 4.

[52] Dabei "verschränkt die lernende Aneignung eines religiösen Raumes im Prozeß individueller Aneignung dessen Zeichenrepertoire immer zugleich auch mit je eigener Lebens- und Lerngeschichte.“ Th. Klie, a.a.O 1998, 99.

[53] K. Raschzok, Der Feier Raum geben, in: Th. Klie 1998, 129f.

[54] P. Biehl, Vermittlung als theologisches und didaktisches Problem, in: Aneignung und Vermittlung, Beiträge zu Theorie und Praxis einer religionspädagogischen Hermeneutik, hg.v. U. Becker u. Chr. Scheilke, FS K. Gossmann, Gütersloh 1995, 18 (Kursiva im Original).

[55] R. Degen 1995, 245.

[56] Vgl. Chr. Ricker, Möglichkeiten und Ziele der Kirchenpädagogik, in: Chr. Ricker u.a. 1996, 6.

[57] Vgl. R. Otto, Das Heilige, Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, Neuauflage München 1971.

[58] Chr. Ricker, a.a.O. 1998, 145.

[59] Ebd. 146.

[60] Chr. Ricker, a.a.O. 1998, 146.

[61] Vgl. Th. Ziehe, Zeitvergleiche, Jugend in kulturellen Modernisierungen, Weinheim/ München 1991, 73f.

[62] Vgl. M. Josuttis, Die Einführung in das Leben, Gütersloh 1996, 142: "Mindestens der Hinweis auf die lebensverändernden Folgen, die sich auch bei einer experimentellen Haltung dieser Wirklichkeit gegenüber einstellen können, dürfte bei der Einladung nicht unterbleiben. Religionsunterricht – Vorsicht Lebensgefahr!" Ein anderer Einwand erklärt sich aus einer grundsätzlichen Schwierigkeit dieser Herangehensweise. Denn es macht religiöses Handeln aus, dass dieses sich auf ein Gegenüber, die Begegnung mit der Wirklichkeit des Heiligen, bezieht. Nach der Maßgabe schulischen Probehandelns wird dieser Bezug jedoch – zumindest intentional – ausgeschlossen. Damit verliert dieses Tun das religiöse Proprium und verfehlt dessen Gegenstand. Was auf diese Weise kennengelernt wird, ist deshalb eben nicht Religion, sondern ein Verweis auf Religion. Das Eigentliche wird beim Probehandeln nicht getroffen.

[63] "Museumspädagogik ist Erziehung auf das Museum hin, im Museum, durch das Museum und vom Museum ausgehend." Vgl. Weschenfelder/Zacharias 1992,13.

[64] Siehe Literaturliste.

[65] Chr. Kürschner, Kirchenerkundung mit allen Sinnen, in: Th. Klie 1998, 149.

[66] Vgl. dazu den folgenden Beitrag in diesem Heft von R. Görnandt, Begegnung mit dem Kirchenraum.

[67] Vgl. dazu den Beitrag in diesem Heft von Chr.-B. Julius, Zur Inszenierung kirchenpädagogischen Handelns.

[68] Abgedruckt in R. Heue, A. Seiferlein, Kirchen erzählen 1993, 9f.

[69] E. Huschke 1995, 11.

[70] Vgl. R. Heue/A, Seiferlein, Kirchen erzählen vom Glauben 1993; E. Huschke, Kirchen erzählen vom Glauben 1995; S. Schmauks, Kirchen öffnen 1992.

[71] Th. Klie, a.a.O. 1998, 103 (Kursiva im Original).
[72] Damit ist nicht einer Ausklammerung architektonischer, baugeschichtlicher oder theologischer Sachaspekte das Wort geredet. Im Gegenteil: es hat sich gezeigt, dass es für eine Begehung hinderlich ist, wenn die mitgebrachten oder aufkommenden Fragen zu Entstehung und Wandel der Kirche nicht ins Spiel kommen. Kirchenpädagoginnen und Kirchenpädagogen bieten deshalb z.B. 'Selbstbestimmte Führungen' an (vgl. Materialteil I: Methodische Bausteine).

[73] Diese frühere Zeit ließe sich letztlich kaum rekonstruieren und nachvollziehbar machen. In 'gewachsenen' Kirchen ist zudem die Bestimmung eines Zeitpunktes für 'früher' schwerlich möglich.

[74] Vgl. K. Raschzok, Der Feier Raum geben, in: Th. Klie 1998, 129f. Vgl. auch Chr. B. Burandt, Pädagogische Aspekte von Kirchenführungen mit Erwachsenen, in: R. Degen/I. Hansen 1998, 149f.

[75] Fromme Scheu zu re-inszenieren entspricht weder Raum noch Menschen. Andererseits wird auch nicht allein das Erlebnis um seiner selbst willen, der event im Vordergrund stehen. Eine Ausrichtung auf das schöne Erlebnis trägt zwar zur Akzeptanz der Kirchenpädagogik bei, verdrängt aber die oftmals ambivalenten Eindrücke und Erinnerungen der Teilnehmenden. Dies wird dem Raum nicht gerecht, der an zentraler Stelle – mit dem Altar – auf die Präsenz des Heiligen im Gottesdienst verweist. Handlungsorientiertes Entertainment in der Kirche verkennt das Erschreckende, Herausreißende des religiösen Anspruchs und geht an der Sache der Kirche und der Menschen vorbei.

[76] I. Hansen, a.a.O. 1998, 62; vgl. ebd. 66-74.
[77] Raschzok versteht Gestalt "als ein(en) lebendige(n) Prozeß", in dem "energetische Potentiale" liegen (Hervorhebung von mir); K. Raschzok, a.a.O. 1998, 131.
[78] Solches Tun ist in der Kirche kein 'Probehandeln'. Denn eine Kerze wird nicht 'zur Probe' entzündet. Und ein 'Gebet zur Probe' ist kein Gebet, weil die Zwiesprache fehlt, wo das antwortende Gegenüber ausgeblendet ist.

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